Die Reihe „Näh dich durch die Jahrzehnte“ befasst sich in jeder Ausgabe mit einem Jahrzehnt, das modisch besonders spannend war. Zu je einem typischen Schnitt aus dieser Zeit gibt es eine ausführliche Nähanleitung, die sogar ohne Schnittmuster auskommt.

Die Goldenen 20er, auch „Roaring Twenties“ genannt, stehen für Lebensfreude, Charlston, Flapper-Girls, aber auch der Prohibition in den USA, Alkohol-Schmuggel, Gangstern und illegalen Kneipen, den sogennannten Speakeasys.

Es war die Zeit des politischen und gesellschaftlichen Wandels und des Aufbruchs. Frauen emanzipierten sich zunehmend. Sie mussten sich  nicht mehr an strenge Konventionen halten, hatten bessere Ausbildungschancen und das Wahlrecht.

Das Automobil war eine technischen Errungenschaft, die die Flapperkultur unterstützte. Es machte Frauen unabhängiger und erleichterten das Reisen. Flapper-Girls und Garconnes gehörten in die Jazz-Zeit, sie waren verrückt und energiegeladen. Aus gutem Benehmen machten sie sich nichts. Sie galten als frech, weil sie sich schminkten, rauchten und hochprozentigen Alkohol tranken.

Die Lichtspielhäuser (Kinos) wurden immer beliebter . Deutschland produzierte in den 20er und 30er Jahren mehr Stummfilme als ganz Europa zusammen. Danach kamen Tonfilme aus Hollywood, die den deutschen Filmen voraus waren. Bei der breiten  Bevölkerung wurde Sport immer beliebter, besonders das Boxen und der Radsport.

Die Blüte der Goldenen 20er endete am 25. Oktober 1929, dem „Schwarzen Freitag“, als es an der New Yorker Börse zu einem dramatischen Kurssturz kam. Vieles ist allerdings auch geblieben:  Kleider mussten nun nicht mehr bodenlang sein, das Korsett hatte im Alltag nichts mehr verloren, und Autos schenken uns seither Mobilität.

Es macht Spaß und ist inspirierend einen Blick auf die verschiedenen Schnitte und Stoffe zu werfen – und manche neu zu entdecken.

Die Mode der 20er Jahre war außergewöhnlich, entsprechend dem intensiven Leben nach dem Krieg, voller Rausch und Tempo. Frauen verdienten jetzt ihr eigenes Geld. Der daraus resultierende Emanzipationsschub schuf ein völlig anderes Frauenbild Coco Chanel entwarf die ersten Kleider ohne Korsett, was damals schockierend war.

Das Erscheinungsbild der Frauen wurde androgyn. Sie trugen gerade geschnittene, knielange Kleider mit einer tiefen Taille. Durch die neugewonnene Bewegungsfreiheit konnten sie auch zu Jazz, Charleston, Swing oder Salsa tanzen. Bei den rauschenden Festen stand das Vergnügen im Vordergrund. Dort trug man Hängekleider, die reichlich mit Strass und Pailletten verziert waren. Die Köpfe zierten glamouröse Stirnbänder oder Hüte.

Bei den knöchellangen Alltagskleidern mit Stoffeinsätzen war man hingegen sparsamer. Für diese Mode musste man schlank sein, weshalb viele Frauen noch immer das längst aus der Mode gekommene Korsett trugen. Als Alternative gab es den Gummigürtel, der etwas angenehmer zu tragen war.

Männer dagegen hatten es in ihren Anzügen etwas bequemer. Der Gehrock war aus der Mode gekommen, den Frack und den Smoking trug man jedoch weiterhin. Das Wichtigste war ein gepflegter Auftritt. Typisch war auch der Stresemann-Anzug, der nach dem langjährigen deutschen Außenminister Gustav Stresemann benannt wurde. Dieser trug ihn tagsüber zu förmlichen Anlässen wie Trauerfeiern, Staatsempfängen oder Banketts. Er bestand aus einem Sakko sowie einer Weste und Hose mit Nadelstreifenmuster. Wer es sich leisten konnte, trug einen Mantel, der ein Pelzkragen hatte oder damit gefüttert war.

Auch Frauen kleideten sich nun wie Männer. Die Garconnes hatten ein kühnes Auftreten und trugen Smoking-Kostüme. Dazu kombinierten sie einen Mantel im Herrenschnitt, einige sogar auch Spazierstock, Monokel und Zigarettenspitze.

Für den Sport hatte man „Plusfours“, die Hosen ähnelten Knickerbocker, waren jedoch weiter geschnitten. Sehr beliebt waren auch Ballettaufführungen. Hier trugen die Frauen kürzere Kleider aus feinen Stoffen.

 

Charleston Kleider

Wer Charleston tanzte, wollte provozieren und folgte eigenen Regeln. Ab 1924 tobten sich emanzipierte Frauen in glitzernden Kleidern, deren Fransen beim Tanzen mitschwangen, aus. Diese waren gerade geschnitten und hatten einen angesetzten Rock, oft mit Fransen oder Plissee. Verziert waren sie mit Glasperlen, Metallfäden und Pailletten.

Die lockeren Hängekleider boten reichlich Bewegungsfreiheit für den schnellen und ausgelassenen Charleston. Dabei werden die Knie abwechselnd nach innen und außen oder von der X- in die O-Stellung gedreht. Mit den Armen wurde gerudert. Der Tanz drückt die Lebensfreude der Menschen nach dem Krieg aus. Er kam zunächst in den USA auf. Etwa ein Jahr später wurde er durch die Sängerin und Schauspielerin Josephine Baker auch in Europa bekannt.

Heute kann man in einigen Tanzschulen wieder Charleston-Kurse belegen.